_Fünf Tage in Marienbad: Stadtführung

Fünf Tage in Marienbad: Stadtführung

Hotels am Göthe Gedenkpark
Hotels am Goethe Gedenkpark

Wie bei allen meinen Städtereisen habe ich auch in Marienbad eine deutschsprachige Stadtführung gebucht. Bei meiner Internet-Recherche stieß ich zunächst auf ein Angebot, dass mich ansprach. Meine Nachfrage, mit welchen Kosten ich rechnen müsste, zeigte mir, dass hier Gäste offensichtlich über den Tisch gezogen werden. Für eineinhalb Stunden Stadtführung wollte die Dame 95 EUR haben. Mein Hinweis, dass ich in Krakau und Warschau eine 4,5stündige, deutschsprachige Stadtführung für 120 EUR erhalte, wurde damit begründet, dass die Stundenlöhne in Tschechien höher seien. Damit habe ich mich aber nicht zufrieden gegeben, sondern meine Suche weiter ausgedehnt. Schließlich stieß ich auf das Reisebüro CupVital, dass neben Hotel- und Tour-Angeboten auch Stadtführungen vermittelt. Ich schrieb das Unternehmen an und erhielt zeitnah ein Angebot, dass unschlagbar günstig war. Der Preis für die 1,5stündige Stadtführung belief sich auf ein Drittel des anderen Angebots, was für mich ohne Frage meine erste Wahl darstellte. Ich vereinbarte als Treffpunkt für die Führung die Lobby des Hotels Chateau Monty, in dem ich mir für meinen Marienbad-Aufenthalt ein Zimmer gebucht hatte. Mein erster Tag in Marienbad begann also mit vielen Informationen über das Land, die Stadt und die Bewohner.

Wie alles begann
Tereza, meine Stadtführerin vermittelte mir viele Informationen, die ich hier gerne weitergebe.

Im Jahr 1193 nahm der bömische Adlige Gaugraf Hroznata von Ovenec am Kreuzzug in Richtung Jerusalem teil, der allerdings bereits in Rom ein Ende fand. Der Papst entließ ihn aus seiner Verantwortung der Teilnahme unter der Bedingung, dass er ein Kloster unterstütze. Das setzte er auch um, indem er das Klášter Teplá stiftete und ihm die Treue hielt, in dem der Orden der Prämonstratenser seiner Arbeit nachging (Der Orden ist ein Zusammenschluss selbstständiger Klöster und wurde im Jahr 1120 von Norbert von Xanten mit dreizehn Gefährten in Prémontré bei Laon gegründet). Sein gesamtes Eigentum und Vermögen (fast ganz Westböhmen) vermachte Hroznata von Ovenec dem Orden bei seinem Eintritt in denselben, da er seine Frau und sein Kind bei einer Epidemie verloren hatte und er dem Papst verpflichtet war.

Bereits im Jahr 1527 wurden die Quellen von Marienbad urkundlich erwähnt, denn die Mönche waren sich der Heilwirkung der Quellen schon bewusst. Der Wunsch eines Habsburger Königs mit dem salzigen Quellwasser reich zu werden, da man daraus Tafelsalz gewinnen könne, verlief schnell im Sande, denn es war nur Glaubersalz, das gut bei Verdauungsschwierigkeiten einzusetzen war, sich aber nicht zum Salzen von Speisen eignete. Die Heilwirkung der Marienbader Quellen wurde durch mannigfaltige Ereignisse belegt, denn Kranke wurden schon sehr früh an die Quellen gebracht, um etwa Verletzungen mit dem Wasser zu behandeln. Allerdings war zu dem damaligen Zeitpunkt die Gegend um die Quellen herum sehr sumpfig, da es sich um eine Moorlandschaft handelte. Das wiederum hielt die Mönche davon ab, auf diesem Gelände ein Gebäude zu errichten, da ein Fundament nicht ausreichend abzusichern war.

Grundstein-Legung
1808 hat Dr. Josef Jan Nehr, der als Klosterarzt des Klášter Teplá tätig war, das erste Gebäude in Marienbad gebaut und damit den Grundstein für dieses Bad gesetzt. Er machte auf die Nutzung der Heilwirkung der Quellen aufmerksam und erreichte, dass man in der Zeit von 1805 bis 1808 ein erstes Badehaus über der Hauptquelle errichtete und Unterkünfte für Gäste anbot. Zum damaligen Zeitpunkt mussten sich die ersten 80 Gäste noch selbst verpflegen und auch dafür Sorge tragen, dass sie Betten, -wäsche und andere Gebrauchsgegenstände zur Verfügung hatten, denn das Haus bot nur Kammern aber keinen Service an. 

Erste Bebauung um die Marienquelle herum
Erste Bebauung um die Marienquelle herum

Im Jahr 1812 wurde Karl Kaspar Reitenberger als neuer Abt des Klosters eingesetzt. Ein junger Geistlicher, der mit neuen Ansichten und modernen Lösungswegen zahlreiche Veränderungen anstieß und initiierte. Er unterstützte die Idee von Dr. Nehr, verstärkt das Quellwasser zur Heilung einzusetzen. Durch seinen gesellschaftlichen Einfluss in den oberen Kreisen der österreichisch-ungarischen Monarchie gelang es ihm, viele Befürworter zu gewinnen, die das Projekt, einen Kurort zu gründen, unterstützten. Bereits 1818 wurde Marienbad offiziell zur Kurstadt erklärt, sodass man im Jahr 2018 das 200. Kurjahr feiern konnte.

Das gesamte Stadtgebiet von Marienbad befindet sich auf vulkanischem Untergrund, der durch die tektonischen Platten beeinflusst wird und daher unterschiedlichste mineralische Besonderheiten – sei es in wassergelöster oder Gasform – bietet. Eine IMG_0193Besonderheit sind neben den Heilquellen auch die „Gaskamine“, die 96%iges Kohlendioxid ausströmen lassen. Die Auslasskamine befinden sich meist in alten Baumstämmen, die oft mit Wasser gefüllt sind und daher den natürlichen Gasaustritt in Bläschenform anzeigen. Oftmals nimmt man den Geruch von faulen Eiern wahr, was auf Schwefel schließen lässt. Ansonsten ist aber das Gas geruchlos, beim Einatmen aber gesundheitsgefährdend und wird zur Behandlung von zahlreichen Krankheiten eingesetzt. Heutige moderne Anlagen bieten Schutzeinrichtungen, die das versehentliche Einatmen des Gases unterbinden, da eine automatische Abschaltung der Zufuhr und das Abpumpen der vorhandenen Gasmengen eingeleitet werden.

moderne Gasanwendungseinrichtung mit Schutzmaßnahmen
moderne Gasanwendungseinrichtung mit Schutzmaßnahmen

Maßgeblich hat der Gartenarchitekt Vaclav Skalnik die Gestaltung der Stadt beeinflusst, der die unzugängliche, moorige Umgebung in zahlreiche – auch heute noch zu bewundernde Parks – umgestaltete.  Das Ziel war, ein großes Parkgelände zu errichten, in das die Stadt eingebunden ist. Das Resultat sieht man noch heute und beeindruckt alle diejenigen, die Sinn für die Schönheit der Architektur mitbringen. Die 200 Jahre alten Rotbuchen auf dem Goethe Gedenkplatz zeugen noch immer vom Schaffen des Gartenarchitekten. 

Im 19. Jahrhundert wuchs der Kurort beständig und beherbergte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem Adelige wie etwa den englischen König Edward VII., Künstler wie Goethe und reiche Unternehmer sowie das wohlhabende Bürgertum. Goethe hat im Jahr 1823 bei seinem letzten Besuch in Marienbad um die Hand der erst 17jährigen Ulrike von Levetzow angehalten. Diese Verbindung wurde aber von der Brautfamilie untersagt, woraufhin er Marienbad verließ und nicht mehr wiederkehrte. Man sagt, dass er als junger Mann ein Tête-à-tête mit der Großmama, als Mann in den besten Jahren mit der Mutter und im Alter dann mit der Tochter gehabt habe, was dann zu seiner Ablehnung führte. Die Jahre zwischen 1818 bis 1928 sind als die Glanzzeit in die Geschichte eingegangen, da nach den beiden Weltkriegen hier nichts mehr so war wie zuvor.

Der erste Weltkrieg und die Kriegsfront haben die Stadt zwar nicht zerstört, aber es führte zu einem dramatischen Rückgang an Besuchern und Kurgästen. Die Nachkriegszeit gestaltete sich schwierig, aber ab Mitte der 1920er Jahre war wieder eine positive Entwicklung zu sehenDen zweiten Weltkrieg überstand man relativ gut, da die Stadt zum Lazarett wurde und es keine strategischen Punkte gab. In der Zeit des Kommunismus verließen 1946 die Sudetendeutschen, die damals die Mehrzahl der Einwohner bildeten, die Stadt und es zogen neue Einwohner aus verschiedenen Gebieten Tschechiens zu. Die Badehäuser wurden verstaatlicht und unter der Zentralführung zu einem Erholungsziel für sozialistische Arbeiter gemacht. Das Bad bot damals vor allem Kurtätigkeiten an.

Im Jahre 1952 wurde das Balneologische Forschungsinstitut gegründet und aufgrund seiner Tätigkeit hat man die Kurpraktiken in Marienbad an die modernen ärztlichen Erkenntnissen angepasst. Das führte dazu, dass weltbekannte Spezialisten gewonnen wurden. Während der Sommersaison bevölkerten mehr als 40.000 Patienten die Stadt und die Nutzung von allen Einrichtungen durch diese Menge an Gästen sowie fehlende Investitionen verursachten den stetigen Verfall der Bäder.

Nach dieser Zeit des Untergangs der Badekultur suchte man in Marienbad neue Investoren, die der alten Badekultur zu neuem Glanz verhelfen würden. Man begann die vorhandene Bausubstanz zu sanieren und vorhandene Jugendstil-Architekturen wieder so herzurichten, dass sie im alten Glanz erstrahlen. Das Resultat kann man bei einem heutigen Besuch bewundern, denn die Bauten der Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert stellen eine Augenweide dar. Einer der großen Investoren ist die Danubius Gruppe, die nach 1989 zahlreiche staatliche Hotels und Einrichtungen erwarb, diese wieder herrichtete und dadurch heute eine gemeinsame Wellness-Landschaft schaffte, die ihresgleichen sucht. Allerdings wartet das erste Haus am Platze noch immer auf seine Wiederherstellung. Sollte das nicht bald in Angriff genommen werden, so droht ihm der Abriss.

Hotel in dem einst König Edward VII wohnte
Hotel Stern (Hvĕzda) in dem einst König Edward VII mehrmals wohnte

Heute liegt der tschechische Durchschnittslohn bei etwa 900 Euro, in der Hotellerie verdient man bestenfalls 550 Euro, was dazu führt, dass wieder Abwanderung von Einwohnern stattfindet. Das zeigt sich besonders in der Hotellerie, wo Fachkräftemangel dazu führt, dass Gastarbeiter aus der Ukraine eingestellt werden müssen, die weder französisch noch englisch oder deutsch sprechen können, da die grenznahe Bevölkerung lieber in der Bundesrepublik arbeitet. Ein Manko, dass man bei der Urlaubswahl bedenken und berücksichtigen sollte.

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