Reise nach Breslau in der Woiwodschaft Niederschlesien: Stadtrundgang

Um 9:45 Uhr war ich mit meiner Stadtführerin verabredet. Pünktlich trafen wir uns beim Concierge meines Apartment-Hotels und begannen den Stadtrundgang dort, wo ich meine eigene Entdeckungstour durch Breslau am Abend zuvor beendet hatte: Am Ufer der Oder mit Blick auf die Dominsel.

Blick auf den Breslauer Dom (rechts) und die Kreuzkirche ©Urheber-ID 986011
Blick auf den Breslauer Dom (rechts) und die Kreuzkirche ©Urheber-ID 986011

Da ich für mich kein festes Besichtigungsprogramm ausgearbeitet hatte, informierte meine Stadtführerin mich zunächst etwas über die Geschichte der „jungen polnischen“ Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg „entnazifiziert“ worden war. Das bedeutete, dass man die im Juli 1945 noch in der Stadt lebenden 300.000 deutschen Bürger aus Breslau vertrieb. Das war die erzwungene Auswanderung des überwiegenden Teils der dort ansässigen deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen verbunden mit der amtlichen Namensänderung der Stadt in die polnische Ortsbezeichnung Wrocław. Bereits ein Jahr später hatten sich 30.000 polnische Einwohner wieder angesiedelt, von denen viele aus Zentralpolen kamen. Bis 1948 zog sich die Aussiedlung der bisherigen deutschen Bevölkerung hin und man zählte offiziell in dem Jahr 300.000 polnische sowie 7.000 deutsche Bürger. Auch war ab diesem Zeitpunkt die deutsche Sprache nicht mehr erlaubt.

Im Jahr 1955 begann man schließlich mit dem Wiederaufbau der im 2. Weltkrieg zerstörten Stadt, die heute in einem Glanz erstrahlt, der beeindruckt, wenn man das Ausmaß der Zerstörung betrachtet, dass durch die Deutsche Wehrmacht und alle offiziellen Unterstützer des NS-Regimes verursacht worden war.

Dieses Wissen im Hintergrund ging ich am Ufer der Oder entlang in Richtung des Nationalmuseums Breslau (Muzeum Narodowe we Wrocławiu), das heute ein Museum für bildende Künste ist. Das Museum entstand aus deutschen Museumsgründungen des 19. Jahrhunderts und aus polnischen Sammlungsbeständen in Lemberg und präsentiert heute als Schwerpunkt Kunst aus Schlesien und Polen. Etwa 120.000 Objekte umfasst die Sammlung: vom Mittelalter bis zur Gegenwart – unter anderem Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik, Skulpturen, Kunsthandwerk und Fotografien, wobei die Abteilung mit den Arbeiten polnischer Künstler des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten ihrer Art gehört. Das Backsteingebäude zeigt noch heute Kriegsmale und beeindruckt durch seine Größe.

Ein Teil der Skulptur
Ein Teil der Skulptur „Erwartung“

Einen Besuch hob ich mir für einen anderen Tag auf, falls sich dazu noch die Gelegenheit fand. Auf der anderen Straßenseite des Museums zog die Skulptur „Erwartung“ meine Aufmerksamkeit an. Es handelt sich dabei um zwei große Wohnsessel, die am Rand des Parks Juliusza Słowackiego stehen. In diesem Park befindet sich auch das Panorama von Racławice, das ich später am Tag besichtigen wollte.

Der Rundgang führte weiter – vorbei am Landesregierungsamt für die Woiwodschaft Niederschlesien (Dolnośląski Urząd Wojewódzki) – über die Friedensbrücke (Most Pokoju) zur Dominsel mit ihren kirchlichen Monumenten, den weiterhin aktiv genutzten Klostern und der theologischen Fakultät sowie der fürst-bischöflichen Residenz. Die Dominsel ist heute leider keine Insel mehr, da die Breslauer Bürger im 19. Jahrhundert den nördlichen Oder-Arm zuschütten ließen. Zur „Insel“ gelangt man aber nicht nur über die Pokoju- sondern auch über die Dombrücke (Most Tumski), die auf der gegenüberliegenden Seite vorbei an der Sandkirche wieder zurück in die Stadt führt. Diese Brücke ist eine Konstruktion aus Stein und genietetem Stahl und wurde in den Jahren 1888 bis 1892 errichtet. Sie ist ein beliebtes Objekt für Verliebte, um dort ihre Love-Locks anzubringen, was manchen Bürger und Brückenbauer – und das nicht nur in dieser Stadt – nicht gerade in Entzücken versetzt.

Der Breslauer Dom erstrahlt wieder in neuem Glanz, nachdem er am Ende des Zweiten Weltkrieges stark zerstört worden ist. Ich kann nur sagen, wie glücklich ich darüber bin, dass wir uns hier in Europa zurzeit in keiner kriegerischen Auseinandersetzung mit anderen Staaten und Völkern befinden. Solche werden nur durch Regierungen und religiöse Institutionen initiiert. Den Besuch dieses Bauwerks habe ich doppelt genossen, denn es ist die einzige Kathedrale in Breslau, deren Turmaussichtsplattform ich mit einem Aufzug erreichen konnte.

Zurück auf dem Boden führte mich der Stadtrundgang weiter ins Universitätsviertel und vorbei an vielen der kleinen Zwerge, die als die Breslauer Zwerge sicherlich als das eigentliche Wahrzeichen der Stadt angesehen werden können.

Ihre Entstehung geht in die 1980er-Jahre zurück, als es in Breslau eine politisch künstlerische Bewegung gab: die „Orange Alternative“ (Pomaranczowa Alternatywa). Sie wurde von Waldemar Fydrych initiiert. Er sammelte eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich, die hauptsächlich aus Studenten bestand. Sie trugen alle als  gemeinsames Zeichen und als Ausdruck ihrer Kritik am kommunistischen Regime orangene Zwergen-Mützen. Diese Oppositionsgruppe begann im gesamten Stadtgebiet Zwerge an Häuser und Wände zu malen, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Seit den 1990er Jahren erinnern im gesamten Stadtgebiet die Breslauer Zwerge an diese Aktionen. Erst Jahre später (im Jahre 2001) wurden die Zwerge durch die Initiative eines Stadtrats zum Symbol der Stadt erhoben.

Leider konnte ich während meines Stadtrundgangs nicht die Aula Leopoldina der Universität Breslau besichtigen, da diese für Restaurierungsarbeiten geschlossen war. Das ist für mich aber mit einer der Gründe dafür, diese interessante und lebendige Stadt erneut zu besuchen. Die Universitätsgebäude beeindruckten mich aber auch so: zahlreiche alte Gebäude wechselten sich mit neuer Architektur ab und luden zum Verweilen bzw. Studieren ein.

Die heutige Straße der Kunst-Galerien, die „Stare Jatki“ (Alte Fleischbänke) war früher das Zuhause der Fleischerzunft Breslaus. An diesem Ort wurden die verschiedensten Fleischsorten der geschlachteten Tiere angeboten und verkauft. Die Bronzefiguren wurden für die Tiere und die Fleischerzunft als Denkmal errichtet.

Mein Weg führte mich weiter durch Gassen und enge Straßen, vorbei am ältesten Gefängnis von Breslau, das heute eine Kulturstätte mit Restauration ist, zurück zum Zentrum des alten Teils von Breslau: den Marktplatz mit dem Rathaus und wunderschön restaurierten Gebäuden. Hier verdeutlicht sich, mit welchem handwerklichen Geschick gearbeitet wurde, um Häuser wieder so aussehen zu lassen, wie sie vor der Zerstörung aussahen. Viele Zeitepochen und Baustile vereinen sich zu einem Gesamtbild, das ich gar nicht mehr aus den Augen lassen wollte. Ich ging um den gesamten Marktplatz herum, verweilte in einem polnischen Restaurant, erledigte meine Postsachen in einem kleinen Postladen und ließ einfach alles auf mich wirken. Meine Stadtführerin, die mich jetzt noch in das alte jüdische Stadtviertel führte, war bereits über vier Stunden meine Begleiterin und überforderte meine Möglichkeiten der Informationsaufnahme.

Wir beschlossen noch gemeinsam einen letzten Schlenker in den südlichen Bereich der Altstadt zu machen, von dem ein Teilstück den ehemaligen jüdischen Gemeindebereich repräsentiert. Ich war betroffen und erschrocken zu sehen, wie klein dieser wiederaufgebaute Bereich nur war und bin beschämt sowie betroffen, wenn ich an das Leid denke, was der damaligen jüdischen Bevölkerung angetan worden ist. Gemeinsam müssen wir die Erinnerung daran wachhalten und verstärkt unsere Möglichkeiten einsetzen, dass es nie wieder zu einem solchen Holocaust kommen wird.

Meinen Stadtrundgang beendete ich mit einem Besuch des Panorama von Racławice, das im Park Juliusza Słowackiego steht. Hier muss man zwingend im Vorfeld eine Online-Reservierung gebucht haben, da ansonsten keine Chance besteht, das Rundpanorama-Gemälde anzusehen. Das Gemälde zeigt den Sieg der polnischen über die russische Armee im Jahr 1794 in der Schlacht bei Racławice, geführt vom polnischen General Tadeusz Kościuszko. Ein deutschsprachiger Audio-Guide erklärte die Schlachtszenen im Detail und führte mich als Besucher durch das 114 m breite Gemälde, dass in der Ausstellungshalle beeindruckend Gemälde und Realdekoration miteinander verbindet. Leider wird man sehr zügig durch die Ausstellung geführt, sodass nach rund 30 Minuten das Gebäude wieder verlassen werden musste.

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Als Resümee meines Besuches in Breslau muss ich sagen: Eine Woche für diese Stadt einzuplanen, stellt eine realistische Zeitplanung dar. Man kann dann die Highlights sehen, möchte man sich aber intensiver mit der Geschichte auseinandersetzen, so sollte man entweder nochmals kommen oder aber einen längeren Aufenthalt einplanen. Ich habe während meines Besuches rund 35 km Strecke zu Fuß zurückgelegt und bin nicht müde geworden, noch mehr sehen zu wollen.

Strecke meiner Stadtrundgänge in Breslau
Strecke meiner Stadtrundgänge in Breslau

Ein ganz besonderes Dankeschön sage ich an dieser Stelle an meine Stadtführerin Agnieszka Idczak, die ich jedem Individual-Besucher der Stadt nur empfehlen kann.

Alle Bilder: Copyright Urheber-ID 986011 (Reinhard E. Wagner)

 

 

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