Guernsey entdecken – Teil 1


Blick vom Cliff-Weg zwischen Jerbourg und Petit Port an der Westküste von Guernsey

Nachdem ich vor einigen Jahren bereits Jersey besucht habe, setzte ich den Plan um, auch Guernsey, die zweitgrößte Kanalinsel zu erkunden. Damals fuhr ich mit der Fähre von St. Malo (Frankreich) nach St. Hellier (Jersey) und nahm meinen Saab 9000 mit, damit ich unabhängig unterwegs sein konnte. Für die Entdeckungsreise nach Guernsey  entschied ich mich gegen einen PKW und die zweitägige Anreise mit Übernachtung in St. Malo. Stattdessen flog ich mit Eurowings in 90 Minuten direkt nach

Ich bin mir bewusst, dass das Fliegen in der heutigen Zeit nicht die richtige Lösung ist, habe aber dafür auch einen hohen Preis bezahlen müssen – über 490 EUR für ein Return-Ticket. Die Überfahrt mit der Fähre wäre nur halb so teuer gewesen, allerdings wären Übernachtung- und Benzin-/Autobahngebühren noch hinzugekommen, sodass es unter dem Strich vergleichbar, der Zeitaufwand aber geringer ist. Zudem verbrennen Schiffe Schweröl, was die Ökobilanz sehr schlecht aussehen lässt. Vielleicht sollte ich gar nicht mehr verreisen, sondern nur noch lokal zum Wandern oder Radfahren unterwegs sein. Ich denke darüber wirklich nach und bin auf der Suche nach geeigneten Zielen.

Der Flug war gebucht, eine Unterkunft gefunden und die Wahl für ein Fahrrad als Fortbewegungsmittel auf Guernsey getroffen. Die Unterkunft, das La Roche ist als 4-Sterne-Hotel auf Google gelistet, macht auf mich aber eher den Eindruck, dass es ein 5-Sterne-Gästehaus (B&B) ist. Nachdem ich die Beschreibung auf der Webseite ausgiebig studiert hatte, entschied ich mich für das Zimmer (Samphire Room) mit En-suite-Dusche und -WC.

La Roche Guesthouse
La Roche Guesthouse

Bild 06.07.19 um 19.02

Ich rief im La Roche an und hatte einen ersten Kontakt mit David, dem Hausherrn, der mir freundlich aber bestimmt mitteilte, dass ich das Zimmer für Juni erst Anfang Januar buchen könne und nicht bereits im August des Vorjahres. Ich verschob daraufhin die Reservierung des Zimmers entsprechend nach hinten, buchte aber bereits verbindlich den Flug. Zwar ist hier Earl-Bird nicht gleichzusetzen mit günstig, sondern war es für mich ausschlaggebend, dass ich keine lange Anreise zum Flughafen haben wollte. Die Abflugzeit war perfekt: 17:15 Uhr startete die zweimotorige Maschine (DASH 8) von DUS nach GCI. Das bedeutete, dass ich einen kurzen Anfahrtsweg habe und bereits zur Abendessenzeit am Zielort sein kann.

Dash8
Bombardier DHC-8 (DASH 8)

Je näher der Abflug kam, desto mehr interessierte ich mich für die Topografie der Insel. Das führte schließlich dazu, dass ich mich für ein e-Bike als Fortbewegungsmittel entschied, denn die Steigungen sind auf der Kanalinsel nicht zu unterschätzen: Auf kurzen Teilstücken müssen oftmals 50 Höhenmeter überwunden werden. Ich schaute mich bei den einschlägigen Anbietern um und entschied mich für Adventure Cycles in St. Martin, die mir eine tolle Beratung per E-Mail angedeihen ließen. Nach einem kurzen Telefonat vereinbarte ich einen Liefertermin zum La Roche, der zwei Tage nach meiner Ankunft lag. Ich wollte mich erst etwas akklimatisieren, bevor ich mich aufs Rad und auf Entdeckungsreise machen wollte. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellte. Zudem ist der Linksverkehr für jemanden, der bisher nur rechts gefahren ist, sehr gewöhnungsbedürftig: Kreisverkehre stellen hier eine besondere Herausforderung dar!

Ankommen

Guernsey gehört weder zum Vereinigten Königreich noch ist es Teil der EU. Die zweitgrößte Kanalinsel ist eine Vogtei des britischen Königshauses und gehört somit der Queen, die auch der Duke der Normandie ist. Jetzt mögen einige Leser verwirrt sein, aber wer sich für die Insel interessiert, sollte sich mit den Eigenarten dieses kleinen Inselreiches vertraut machen. Die Währung lautet hier GGP (Guernsey-Pfund), wird von The States of Guernsey ausgegeben und ist nicht im United Kingdom einsetzbar, da sie dort nicht akzeptiert wird.

Aktuelle 20 Guernsey-Pfund-Note aus dem Jahr 2019
Aktuelle 20 Guernsey-Pfund-Note aus dem Jahr 2019

Jane vom La Roche holte mich am Flughafen ab und fuhr mit mir zum Gästehaus, wo ich freundlich – jetzt ganz offiziell von beiden – auf der Insel und im B&B willkommen geheißen wurde. Anschließend zeigte sie mir das Zimmer. Zunächst war ich etwas enttäuscht, da es klein und mit Antiquitäten gefüllt war, aber dafür hatte ich eine Dusche (wie auf einem Schiff) und ein separates WC mit Waschbecken nur für mich alleine zur Verfügung. Ich arrangierte mich mit dem Zimmer, dem 140 cm x 200 cm großen Bett und verstaute meine Sachen aus meinem Koffer in dem Schrank und der Kommode. Puh, zum Glück hatte ich nicht viel mitgenommen, denn mehr hätte ich nur schwer unterbringen können. Meinen Koffer verstauten die Gastgeber irgendwo in den Tiefen des Hauses, das sehr umfangreich mit vielen Reisesouvenirs ausstaffiert ist. Jetzt, da ich angekommen war, wurde mir bewusst, dass ich in einem Privathaushalt bin, wo ich wie ein Gast der Familie behandelt werde. Der Empfang war sehr herzlich und mit einem Glas Sekt startete ich in den verdienten zweiwöchigen Urlaub.

Wohnzimmer im La Roche, in dem man sich zum Lesen, Entspannen oder Gespräch niederlassen kann.
Wohnzimmer im La Roche, in dem man sich zum Lesen, Entspannen oder Gespräch niederlassen kann.

David und Jane sprechen beide deutsch, was für Reisende, die kaum oder nur wenig englisch sprechen, sehr angenehm ist. Für mich war es einfach schön, eine Gastgeberin vor mir zu haben, die in Berlin und Hilden gelebt hat und einen Gastgeber von der Insel Jersey genießen zu können, der als “Franzose auf Guernsey” mit viel Humor seinen Gästen gegenüber auftritt. Sie beide strahlen so viel Wärme aus, dass ich mich wie daheim gefühlt habe. Wünsche wurden direkt erfüllt und was nicht sofort umgesetzt werden konnte, wurde nicht auf die lange Bank geschoben, sondern zeitnah realisiert. Das Hauspersonal (au-pair und lokales) war zuvorkommend freundlich und las jeden Wunsch von den Lippen ab. Auf Nachfrage nannte man mir gleich mehrere Restaurants und Pubs in denen man gut und preislich akzeptabel essen kann, denn die Insel ist kein Schnäppchen-Paradis. Für den ersten Abend entschied ich mich zum 19 Nineteen zu gehen, das nur etwa einen Kilometer entfernt auf einem Golfplatz ist. Zwar kann man dort nur laut Auskunft über das Internet (Google ist hier nicht aktuell) cash bezahlen, allerdings wurde ich eines besseren belehrt, denn es werden auch einschlägige Kreditkarten akzeptiert. Für den Notfall hatte mir David aber unproblematisch 70 GGP geliehen, sodass ich nicht mittellos dastand.

Nachdem ich mich mit Rocquette Cider verwöhnt hatte, ein tolles Abendessen genießen  und dabei das Golfspiel anderer Gäste beobachten konnte, machte ich mich wieder auf den Weg zurück ins La Roche, wo ich auf dem Bett mit einer Tempur-Matratze nach einem langen Tag – gefüllt mit neuen Eindrücken – direkt einschlafen konnte.