Guernsey entdecken – Teil 3

Blick auf die Insel Herm
Blick auf die Insel Herm

Das Wetter zeigte sich als relativ bestĂ€ndig, wobei die Nachttemperaturen nicht unter 14 °C fielen und die Tagestemperaturen auf maximal 22 °C anstiegen. Im Durchschnitt war es tagsĂŒber aber meist 17-18 °C – also sehr angenehm fĂŒr jemanden wie mich, der es eher kĂŒhler mag.

Nachdem ich mit dem e-Bike meine Erkundungen der Insel abgeschlossen hatte, machte ich mich auf die Entdeckungsreise mittels des Bussystems. Eine Erfahrung der besonderen Art, denn FahrplĂ€ne geben zwar Zeiten und Abfahrtsorte an, aber eingehalten werden die PlĂ€ne meist nie. Vielleicht hat das etwas mit der MentalitĂ€t der Menschen auf Guernsey zu tun: Man ist eigentlich nicht in Eile – oder doch? Erinnere ich mich an die V8-Fahrzeuge und die AMG getunten Boliden, so glaube ich, dass man auch hier Ego-Erweiterungen benötigt. Und das betrifft beide Geschlechter. Mir wurde gesagt, dass es auf der Insel mit rund 64.000 Bewohnern es etwa 83.000 Fahrzeuge gibt. Ziehe ich die Anzahl der MinderjĂ€hrigen und Greisen ab, so kommt man schnell auf etwa 2,5 Fahrzeuge pro FĂŒhrerscheininhaber. Das ist fĂŒr diese kleine Insel viel zu viel. Und das verdeutlicht sich auch tĂ€glich wĂ€hrend der Rushhour: Der Straßenverkehr ist immens. Ich habe mich immer wieder gefragt, wieso man so viel mit dem Auto unterwegs sein muss? Individualverkehr hin oder her: Die Insel könnte sich ökologisch bedeutend besser aufstellen, wenn man sich einschrĂ€nken wĂŒrde – und das betrifft die Bewohner als auch die Besucher.

Jetzt habe ich aber genug gelĂ€stert, denn Gleiches trifft ja auch fĂŒr Fahrzeughalter in anderen LĂ€ndern zu: Keiner will sich mehr zu Fuß bewegen, sondern die Bequemlichkeit der UnabhĂ€ngigkeit genießen. Was aber, wenn es keine Ressourcen mehr gibt? Wie geht es dann weiter? Ich habe darauf leider keine passende Antwort parat, wĂŒnsche mir aber, dass jeder Leser dieser Zeilen sich seine eigenen Gedanken dazu machen wird.

Die verschiedenen Buslinien brachten mich an alle Orte der Insel, die ich mir auf meine Agenda geschrieben hatte. Die kurzen Distanzen zu den eigentlichen Tageszielen konnte ich dann zu Fuß zurĂŒcklegen, falls die Bushaltestelle zu weit entfernt war. Jeder KĂŒstenstreifen, ob Ost oder West, Nord oder SĂŒd hat seine eigenen Reize und Besonderheiten. Wo immer ich hinkam, genoss ich die frische, unbelastete Luft, das klare Wasser und das angenehme Golfstrom-Klima.

Von meinen Gastgebern erhielt ich den Hinweis, doch der Insel Herm einen Besuch abzustatten, denn auf dieser Insel gibt es keinen Straßenverkehr bzw. keine IMG_7684Luftverschmutzung. „No Pollution“ lautete mein Tagesmotto fĂŒr den Besuch dieser Guernsey vorgelagerten Insel, wohin ich mit einer halbstĂŒndigen FĂ€hrĂŒberfahrt gelangen konnte. Obwohl es Hauptsaison war, musste ich kein Ticket fĂŒr die Überfahrt vorbestellen, sodass ich mich morgens zum Hafen in St. Peter Port begab, um Herm einen Besuch abzustatten.

Die Überfahrt war gemĂŒtlich und die Insel einfach die Wucht. Ich hatte mir nicht vorstellen können, wie schön und entspannend es dort war. Ich wurde nicht enttĂ€uscht und machte mich auf den Weg, die Insel zu umrunden. Nach etwa 90 Minuten kam ich wieder am Landungssteg an, nachdem ich die Landschaft erkundet hatte: vorbei am Obelisk, weiter zum Shell Beach und zum Manor mit der St. Tuguals Church, die Puffin Bay umrundend zurĂŒck zum White House Hotel. Ich begegnete einigen anderen Besuchern, aber ich war erstaunt, wie sich hier alle Besucher verstreuten. Ich empfand diesen Besuch einfach entspannend und wunderschön.

Wieder zurĂŒck in St. Peter Port plante ich einen Besuch der Festung Castle Cornet, die allerdings nur noch eine Stunde geöffnet hatte, sodass ich ihn auf einen anderen Tag verschob. Stattdessen erkundete ich noch die Stadt, denn erst um 18 Uhr hatte ich eine Reservierung fĂŒr mein Hummeressen im Le Petit Bistro. Wer auf einer Insel ist und nicht den Genuss eines frisch zubereiteten Hummers (40 EUR) genießt, hat sicherlich etwas versĂ€umt. Bei dem Gedanken ans Essen muss ich sagen, dass ich jedem empfehle, sich fĂŒr den jeweiligen Abend eine Reservierung in seinem Wunschlokal bestĂ€tigen zu lassen, denn einfach nur hineinzuplatzen und zu glauben, dass man schon Platz finden wird, der muss sich auf Guernsey eines Besseren belehren lassen.

Die nĂ€chsten Tage wanderte ich viel und ließ mich vom Wind und meinen WĂŒnschen treiben. Ohne ein festes Ziel zu haben, kann die Insel auch spannend sein. Mit dem Bus von A nach B zu fahren und einfach irgendwo zwischendrin auszusteigen … das kann schon spannend sein. So landete ich an der Little Chapel, einem Kunstwerk, das vor rund 100 Jahren von einem Mönch initiiert wurde und noch heute GlĂ€ubige und Bewunderer anzieht. Das Kunstwerk ist schon einen Besuch wert und hat selbst mich, der ich Atheist bin, in seinen Bann gezogen. Nicht weit davon entfernt liegt das Saumarez Manor mit seinem ArtParks Skulpturenpark, der beeindruckend ist. Das Manor, in dem ich eine FĂŒhrung mitgemacht habe, war zwar schön anzusehen, aber die vielen Fakten und Daten ĂŒber die britischen Adeligen ermĂŒdeten und langweilten mich letztendlich sehr.

Nach zwei Wochen hieß es Abschied nehmen und noch einmal alles Revue passieren lassen. Ich habe weniger an Touristenattraktionen gesehen als bei anderen Reisen, habe mich aber exzellent erholt und entspannt. Das war ein Urlaub nach meinem Gusto: keine hohen Temperaturen, wenige Touristen und eine tolle Landschaft, die mir das GefĂŒhl gab am richtigen Ort zu sein. Was immer ich damit meine, muss jeder fĂŒr sich selbst herausfinden.

Da mein RĂŒckflug erst um 19 Uhr von Guernsey aus zurĂŒck nach DUS ging, hatte ich das Problem, dass ich in DĂŒsseldorf um diese Uhrzeit keinen DriveNow- bzw. Car2Go-Wagen fĂŒr die RĂŒckfahrt finden konnte. Das Problem habe ich nach 22 Uhr schon mehrmals dort erleben mĂŒssen. Also entschied ich mich fĂŒr die CO2-neutralere Alternative: die Bahn, die allerdings mit ZugausfĂ€llen und -verspĂ€tungen ihrem schlechten Ruf einmal mehr alle Ehre erwies. Meine RĂŒckfahrt dauerte fast genauso lange wie der Flug von der Insel nach DUS.

Ich wĂŒnsche mir fĂŒr die Zukunft, dass sich der ÖPNV in unserem Land endlich so entwickelt, dass man auch individuell unterwegs sein kann, ohne mit dem eigenen Auto unterwegs sein zu mĂŒssen.