Elsass, Straßburg und die Demokratie


Nach 30 Jahren Wiedervereinigung in Deutschland habe ich mich entschlossen, etwas mehr über die Demokratie in Europa und im Speziellen im Grenzgebiet zu Frankreich, die Europäische Union und Europa zu erfahren. Ich fand dazu ein Bildungsurlaubsangebot mit dem Titel „Gelebte Werte der Demokratie in Straßburg“, das vom Bildungszentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (bz3l) angeboten wurde. Das Programm bot unter anderem einen Besuch mit Führung im Europarat und im Europaparlament sowie den Besuch von La Petite France in Straßburg mit an. Nachdem ich es gebucht hatte und die Kosten als Vorkasse an den Veranstalter überwiesen waren, freute ich mich auf die neuen Informationen, Eindrücke und Erkenntnisse, die mir diese Reise bringen würden.

Da ich nicht an einem Montagmorgen (4.11.2019) erst anreisen wollte, sondern die Zeit davor bereits für erste Eindrücke im Elsass nutzen wollte, quartierte ich mich für drei Nächte in Obernai ein. Dieser Ort liegt rund 25 km südwestlich von Straßburg und bietet unter anderem einen schönen Altstadtkern.

Mit meinem Hybrid machte ich mich also auf den Weg ins Elsass und erreichte über die linksrheinische Autobahn stressfrei mein Ziel In Frankreich nach nur vier Stunden Fahrt. Die Wohnung war sehr geschmackvoll eingerichtet, bot alles, was man für einen schönen Urlaub benötigt, und war sehr ruhig gelegen. Zu Fuß war ich – vorbei am Freibad und durch den Park – in fünfzehn Minuten im Stadtzentrum. Hier angelangt, erkundete ich die Stadt und erfuhr viel zu ihrer Geschichte. Empfehlen möchte ich, dass man bei einem Besuch zumindest Basic-Sprachwissen in der französischen Landessprache haben sollte. Das ist mehr als höflich, denn als Gast muss man das schon mitbringen. Es erleichtert den Umgang mit den Menschen und bringt gleich ein kleines Lächeln auf jedes Gesicht. Und sei es auch nur, weil sich der Franzose über die schlechte Aussprache oder den falsch eingesetzten Artikel amüsiert. Ich habe meine gymnasialen Sprachkenntnisse bereits vor vielen Jahren wieder ausgepackt und komme mittlerweile wieder einigermaßen zurecht. Die Sprache öffnet Türen, die sonst verschlossen bleiben würden.

Während der drei Tage in Obernai lernte ich die schöne Umgebung etwas und die elsässische Kost intensiver kennen. Beides gefällt mir sehr gut und wer es gerne deftig im Geschmack mag, der findet hier entsprechendes: Sauerkraut (Choucroute) mit Würstchen und Speck, Flammkuchen, Quiche und andere schmackhafte Gerichte. Ein kleiner Ausflug an den Fuß des Mont St. Odile, verbunden mit einem Essen im Restaurant des Romantikhotels L’Ami Fritz, führte uns in den Park des Schlosses Windeck. Hier findet man neben alten Buchen unter anderem auch Sequoias, aus der Gattung der Mammutbäume und die Ruinen einer alten Kirche. Eigentlich ein Geheimtipp, den ich aber gerne weitergebe. Mit einem wunderschönen Abend, gefüllt mit sehr guten Gesprächen und exzellenten Weinen sowie Digestifs machte ich mich am Montagmorgen auf den Weg zum Veranstaltungsort des Bildungsurlaubs in Kehl-Kork.

Um 14:30 Uhr komme ich im Veranstaltungshotel an, will das Zimmer beziehen und erfahre von der Dame an der Rezeption, dass entgegen der Ankündigung im Programm kein Abendessen angeboten werde. Verwundert mache ich darauf aufmerksam, dass unser Programm genau das ausweise und die Dame ergänzt ihre Aussage sogar noch dahingehend, dass auch am Samstag kein Mittagessen angeboten wird, da dann die Küche gar nicht besetzt sei! Oh Schreck, was für eine Nachricht – ich hoffe nur, dass das Zimmer bezahlt und gerichtet ist. Letzteres wird mir bestätigt, allerdings mit dem Hinweis, dass alle Getränke nicht inkludiert seien. Ich versuche die Veranstalterin telefonisch zu erreichen, lande aber unter der Rufnummer nur bei einem sehr abweisend klingenden Herrn, der sie für 17 Uhr ankündigt. Nachdem um 18 Uhr noch immer niemand seitens des Veranstalters anwesend war, das Restaurant aber mittlerweile geöffnet hatte, entschloss ich mich auf meine Kosten mein Abendessen zu bestellen.

Zwischenzeitlich wurden die Bedienungen aktiv, richteten eine lange Tafel her und alles machte den Anschein, dass wohl eine größere Gruppe zum Essen kommen würde. Wie sich dann herausstellte, war das unsere Seminargruppe. Viele der Teilnehmer kannten sich offensichtlich bereits, da man gemeinsam in den Saal eintrat. Ich sprach die Gruppe an und wurde von der inzwischen eingetroffenen Veranstalterin begrüßt. Mittlerweile war es 19 Uhr geworden und endlich wurde das Abendessen serviert. Angesprochen auf die Misere bezüglich der beiden nicht bestätigten Mahlzeiten, wurde von der Veranstalterin nur lapidar geantwortet, dass es sich wohl um ein Missverständnis handeln würde, denn sie habe alles bestätigt bekommen. Nach dem Essen gäbe es eine Vorstellungsrunde und das war es: Keine Einführung in das Thema, da es bereits so spät sei! Wir erhielten stattdessen einen neuen Programmablauf, der den Programmpunkt „Europarat“ nicht mehr enthielt. Als Ersatz wurde eine Stadtrundfahrt mit einem Panoramaschiff angeboten. Zudem verschoben sich die Führungen durch das Europaparlament und durch das Europaviertel.

Der erste Tag des Bildungsurlaubs begann um 9 Uhr mit einer PowerPoint-Präsentation, die so chaotisch aufgebaut war und oftmals zusammenhanglos Fakten vorstellte, die man ohne fundiertes Hintergrundwissen nicht einordnen bzw. verstehen konnte. Es zeigte sich, dass die Veranstalterin eher im Bereich der Schüler- als der Erwachsenen-Bildung eingesetzt werden sollte. Wird über Straßburg und deren Stadtgeschichte gesprochen, so sollten alle geschichtlichen Fakten deutlich hinterlegt sein und das Anschauungsmaterial in einer so hochauflösenden Qualität, dass man auf der Leinwand auch etwas sehen und lesen kann. Details von Bildern waren oftmals nicht erkennbar, da die Veranstalterin sagte, dass sie die Grafiken und Bilder nicht mehr in hoher Qualität herunterladen könne, da man auf den entsprechenden Web-Seiten nunmehr für die bessere Auflösung „Geld verlangen würde“. Wir alle haben für diesen Weiterbildungsurlaub bezahlt und erwarten dafür entsprechend gutes Informationsmaterial. Die Sparphilosophie unter der Prämisse „Geiz ist Geil“ darf hier nicht greifen. Mit dem Mittagessen wurden wir von dieser „Vorstellung“ erlöst und wir verabredeten, dass man sich um 14 Uhr am Bahnhof wieder treffen wolle, da wir gemeinsam nach Kehl zu unserem nächsten Programmpunkt reisen werde. Dazu muss sich aber jeder eine eigene Fahrkarte besorgen, denn die war nicht im Preis des Bildungsurlaubs enthalten. Gruppenreisen sollten solche Transportkosten selbstverständlich einschließen! Ich besorgte mir meine Fahrkarte online, aber viele der anderen Teilnehmer standen um den Fahrkartenautomaten der DB herum und versuchten noch rechtzeitig Tickets für den 14:19 Uhr Zug nach Kehl zu erhalten, der dann aber doch erst um 14:47 Uhr abfuhr, da der vorhergehende nur „Sa + So“ fährt!!! Die Veranstalterin lachte den Umstand bei Seite, denn sie habe darauf nicht mehr geachtet, da beim letzten Mal der Zug doch fuhr (vor zwei Jahren).

Nach 45 kalten Minuten auf dem Bahnsteig in Kehl-Kork brachte uns der Zug in knapp fünf Minuten zum Bahnhof in Kehl. Von dort waren es noch weitere 15 Minuten bis wir an der Passerelle des Deux Rives (Fußgänger-/Radfahrerbrücke zwischen zwei Ufern) angekommen waren, die vom ehemaligen grenzüberschreitenden Landesgartenschaugelände Kehl zum Parc des Deux Rives in Straßburg den Rhein überquert. Hier angekommen wurde uns etwa 90 Minuten – begonnen bei Adenauer und General De Gaulle bis hin zu Macron und Merkel, die in Ergänzung des Élysée-Vertrags am 22. Januar 2019 in Aachen einen neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnen – etwas zur Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft vorgetragen. Diese Informationen hatte sie aus dem WWW zusammen getragen, wie sie freimütig zugab. Endlich ein erster Ansatz für uns Bildungsurlauber, um mehr Verständnis für die besondere Situation zwischen Frankreich und Deutschland im Grenzgebiet von Elsass-Lothringen und Baden zu erhalten. Dass das Verhältnis zu den Deutschen in Straßburg immer schwierig war, kann jeder nachlesen, der sich für die Geschichte dieser Region Elsass/Lothringen interessiert. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 ging es darum, dass Straßburg zur elsässischen Metropole ausgebaut werden sollte. Man zwang damals die Elsässer, ihre bis dahin 250 Jahre lang gesprochene Muttersprache Französisch abzulegen und nur noch Deutsch zu sprechen. Alles wurde eingedeutscht. Wilhelm I. von Preußen wurde 1871 nach dem Sieg über Frankreich in Versailles zum ersten Deutschen Kaiser ernannt. Er brachte in die zerbombte Stadt wieder Wohlstand und Bildung. Im Jahr 1872 wurde die ehemalige französische Universität als Kaiser-Wilhelm-Universität neu gegründet und sukzessiv weiter ausgebaut. 1918 wurde sie wieder eine französische Hochschule bis zum Jahr 1941, um dann bis Ende 1944 als Reichsuniversität Straßburg zu agieren. Seit 1945 wird wieder in französischer Sprache gelehrt.
Nach diesem Bildungsvortrag ging es dann zwecks erster gemeinsamer Grenzüberschreitung von uns über die Brücke, wo wir anschließend in den Feierabend mit gemeinsamem Abendessen entlassen wurden.

Tag 2 unseres Aufenthalts startete um 8:55 Uhr mit der Zugfahrt nach Straßburg. Da wir alle 24-Stunden-Tickets erworben hatten, benötigten wir keine Fahrscheine für diese Fahrt. Allerdings war die Verwirrung, wohin wir uns nach unserer Ankunft am Hbf von Straßburg wenden müssen, um zum Europaparlament zu kommen, groß. Der erste Fehlversuch endete auf einem Bahnsteig der U-Bahn unterhalb des Bahnhofs. Als die Veranstalterin feststellte, dass die Züge dort nicht in Richtung Europaparlament abfahren, wurden einfach die Gleise überschritten, um zu sehen, ob man denn über den gegenüber liegenden Bahnsteig ans Ziel kommt. Da auch hier nicht die Linie abfuhr, die wir benutzten mussten, ging es wieder zum Bahnhofsvorplatz, wo die Tram D darauf wartete, um uns zum „République“ zu bringen, wo wir in die Tram E umsteigen müssen, um ans Ziel zu gelangen. Es ist 10:15 Uhr und wir passieren die Sicherheitskontrollen am Europaparlament, um zu unserer Führung zu gelangen. Kaum zu glauben, aber zwei unserer Bildungsurlauber haben Messer (Blamage) in ihren Rucksäcken, die natürlich dabei zum Vorschein kommen. Schließlich schaffen wir es und werden von einer Dame der Kommunikationsabteilung des Europaparlaments zur Besuchertribüne des Europaparlaments geführt. Es findet keine Sitzung statt, denn für diese Tage kann man sich nicht anmelden, sondern muss „einfach erscheinen“ – Zugang würde man immer erhalten, wenn auch nur für zehn Minuten im eigentlichen Parlamentssaal. Eine volle Debattenlänge kann man also gar nicht anhören . Uns wurde mitgeteilt, dass alle Sitzungen live gestreamt werden und jeder die Möglichkeit hat, diese zu verfolgen. Ich hätte mir gewünscht, dass man mit einem Parlamentarier zusammen gekommen wäre, damit wir über aktuelle Themen hätten reden können. So war es leider nur eine architektonische Visite, die bei mir viel Frust hinterließ.

Nach der Mittagspause, die nicht organisiert war, denn jeder musste für sich selbst irgendwo etwas suchen, fanden wir uns im Außenbereich des Europaparlaments wieder zusammen, um an der Führung durch das Europaviertel teilzunehmen. Der Beginn war für 14 Uhr geplant, wer aber nicht zusammenfand, waren unsere Veranstalterin und der gebuchte Stadtführer.

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Blick auf Obernai (Elsass) in Frankreich
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Marktplatz von Obernai mit dem Rathaus
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Impressionen aus Obernai, Elsass
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Kirchenruine auf dem Gelände von Schloss Windeck in Ottrott, Frankreich
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Passerelle des Deux Rives: Fußgänger- und Fahrradbrücke über den Rhein bei Straßburg

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Das Gebäude des Europaparlaments in Straßburg
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Der Sitzungssaal des Europaparlaments