Familienbande und Alterseinsamkeit

Heute schreibe ich einmal über ein Thema, das jeden treffen kann: Das Verhältnis zwischen Verwandten – und wie verantwortlich man sich fühlen kann, wenn es darum geht, zu helfen und zu unterstützen. Aber alles der Reihe nach.

Als drittes von vier Kindern in einer „frühen“ Patchwork-Familie geboren zu sein, muss nicht immer ein Problem darstellen. Wenn man aber eine ältere und eine jüngere Halbschwester sowie einen älteren Bruder hat, wirft das nicht nur in der Kindheit Probleme auf: Es gibt Neid, Rivalitäten, enge Verbindungen und Trennungen, die den weiteren Weg mitbestimmen und ungewollt steuern.

Ich kam als Nachkriegskind auf die Welt und meine Mutter starb, bevor ich vier Jahre alt war, an Krebs. Mein Vater stand damals mit drei minderjährigen Kindern allein da: Einer Tochter, die meine Mutter mit in die Ehe gebracht hatte, sowie meinem Bruder und mir. Ein glücklicher Umstand führte dazu, dass mein Vater mit der Freundin meiner Mutter eine neue Frau fand, die uns drei Kinder auch annahm. Zwei Jahre später waren wir vier Kinder, aus drei unterschiedlichen Verbindungen und eine Familie, die durch die neuen Verwandten um einige Personen größer geworden war. Zusätzlich zu den neun Geschwistern meines Vaters und den drei Schwestern meiner leiblichen Mutter, kamen jetzt noch zwei Schwestern meiner Stiefmutter mit ihren Familien und den weiteren Verwandten dazu.

Die Schulferien verbrachten wir meist bei den Eltern meiner Stiefmutter in der damaligen DDR, denn sie bewirtschafteten noch einen Bauernhof, obwohl sie sich schon im Rentenalter befanden. Als Stadtkinder aus dem Kohlenpott empfanden wir die Freiheiten auf dem Bauernhof und dem damit verbundenen Landleben als eine echte Horizonterweiterung. Vor allem auch dadurch, dass viele Lebensmittel, die für uns Kinder als Selbstverständlichkeit angesehen wurden, in der DDR nur über Bezugsscheine zu erhalten waren. Das bedeutete für uns Besuchskinder frühes Anstellen beim Konsum (so nannte sich der Lebensmittelladen), um überhaupt noch etwas abzubekommen. Das machte geduldig und genügsam – auch wenn es oftmals schwerfiel.

Eine Schwester meiner Stiefmutter lebte noch bei ihren Eltern auf dem Bauernhof. Sie war für mich immer eine sehr interessante Frau, denn sie erlaubte sich, Dinge auszusprechen, die manch ein anderer nicht bereit war, in den Mund zu nehmen. Offenheit bedeutete damals in der DDR-Zeit, dass man auch mit Repressalien rechnen konnte, falls die falschen Personen davon Kenntnis erlangten. Die Tante kenne ich nur als eine immer wieder kranke Frau, die in ihrem Leben mehr recht als schlecht zurechtkam, denn ihr Einkommen ergab oftmals nicht genug zum Auskommen.

Jetzt erfolgt ein Zeitsprung … aus den Fünfzigern in das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Wir damaligen Enkelkinder sind heute Erwachsene, mit unseren eigenen Kindern und Enkeln sowie allen damit verbundenen Problemen und Schwierigkeiten. Ich hatte über die Jahre hinweg Abstand zu Tanten, alten Freunden und Bekannten gewonnen, die ich nur noch selten sah und zu denen ich auch nur sporadisch Kontakt pflegte. Ich erhielt Grußkarten sowie Briefe zu den Festtagen und damit war der verwandtschaftliche Umgang mit dem angeheirateten Zweig der Familie der Stiefmutter erfüllt.

Obwohl in den vergangenen Jahren zahlreiche Familienmitglieder bereits verstorben waren und es aufgrund von Unstimmigkeiten sowie Streitereien und gerichtlichen Auseinandersetzungen zum Bruch zu einem Großteil der Verwandtschaft gekommen war, konnten trotzdem zarte Bande weiterhin aufrechterhalten werden. 

So erfuhr ich im Sommer 2018 davon, dass die ältere, 94jährige Schwester meiner bereits verstorbenen Stiefmutter sich schwer damit tat, weiter alleine in ihrem eigenen Haushalt zu leben. Ich forschte etwas tiefer bei ihr nach, ob und wie sich denn die leiblichen Kinder der beiden Schwestern (Neffe und Nichte) um sie kümmern würden. Sie schüttete mir ihr Herz aus und berichtete davon, dass man sie so ziemlich allein mit ihren Problemen und Sorgen lassen würde und man nicht von einem „Sich Kümmern“ sprechen könne. Sie berichtete mir auch darüber, dass beide bereits die Grundstücke – insgesamt 80 Morgen Land – von ihr per Schenkung erhalten hätten, die ihr eigenes Erbe des elterlichen Bauernhofes und der Ländereien ihrer Cousine gewesen sind. Das alles wurde bereits im Jahr 1993 übertragen, da sie damals nicht gedacht hat, dass „sie kränkliche Frau“ noch so lange leben würde.

Die Tante zog in ein Seniorenheim und nutzt ihr noch verbliebenes Vermögen, um die zusätzlichen von ihr zu tragenden Heimkosten aufzubringen.

Im Frühjahr 2019 verschlechterte sich die finanzielle Situation für sie, da die Heimkosten nicht unerheblich (+48 %) angehoben wurden. Da sie selbst keine Kinder hat und nie verheiratet war, hat sie niemanden, der sie finanziell unterstützt. Sie lehnt Hilfe von mir ab, da sie sagt, dass ich nicht mit ihr blutsverwandt sei und sie es so sehe, dass ihre Erben (die Beschenkten und notariellen Erwerber der Schenkung) doch für sie da sein sollten.

Auszug Notarvertrag

Da ich ihr Bevollmächtigter und Betreuer bin (eine Aufgabe, die ich gerne übernommen habe, denn ich bin ihr dankbar dafür, dass sie für mich als Kind dagewesen ist), versuchte ich Mittel und Möglichkeiten zu finden, um ihre finanzielle Last zu deckeln, denn es ist abzusehen, dass ihre Ersparnisse spätestens im Dezember 2020 aufgebraucht sind.
Bei der Durchsicht ihrer Unterlagen fand ich eine notarielle Schenkungsurkunde (s. Bild), in der ihr eine monatliche Rente von jeweils 300 DM – zu zahlen vom Neffen und der Nichte – zugesprochen wurden, auf die sie aber bis zum Zeitpunkt eines Widerrufs verzichtet hat.

Diesen Widerruf habe ich dann im September 2018 in ihrem Namen an die beiden verschickt. Als Antwort wurde mir mitgeteilt, dass man mich nicht kenne und die Ansprüche verjährt bzw. unrichtig seien. Es gibt mittlerweile auch schon Drohbriefe an die bereits 96jährige Tante, in denen man ihr den Umgang und die Verwandtschaft aufkündigt sowie Meldung ans Sozialamt senden wird, um eventuelle Sozialvergehen vorzutragen.

Das sind Familienbande, wie sie im Buche stehen. Dann bin ich doch lieber das schwarze Schaf der Familie, überwerfe mich mit der buckeligen Verwandtschaft und helfe einer Bedürftigen – ganz gleich ob verwandt, verschwägert oder anderweitig familiär gebunden: Menschen in Not muss geholfen werden!

Aktuell sieht es so aus, dass die Betroffene nicht gegen Familie gerichtlich vorgehen will. „Soll doch das Sozialamt sich die Finger verbrennen und für mich das Geld eintreiben!“ Wenn so unser Sozialstaat missbraucht wird, dann sollten dem alle Riegel vorgeschoben und gnadenlos gegen jeden Missbrauch vorgegangen werden.  

Am liebsten würde ich hier Namen nennen, damit die nicht Zahlungswilligen angeprangert werden, denn beide sind respektable (was ich hier in Frage stelle)  Geschäftsleute und skrupellos gegenüber jeder und jedem. Was will man aber von einer Person erwarten, die nur in Inzentives denkt und für die Luxus nicht aus ihrem Leben wegzudenken ist. Vereinbarungen und notarielle Verträge werden ignoriert und das Thema wird zu Lasten der 96jährigen Dame ausgesessen. Antworten auf Anschreiben bleiben aus und Menschen werden verleugnet. Wer möchte schon mit einem solchen Geschäftspartner zu tun haben? Ich würde mich weder interviewen noch ein Auto verkaufen lassen. Wer weiß, was man mir sprichwörtlich Verdrehtes in den Mund legt bzw. in Hochglanz verpacktes verkaufen will, dass den Versprechungen in keiner Weise gerecht wird?  

Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich mich übergeben muss.

4 Gedanken zu “Familienbande und Alterseinsamkeit

  1. Unfassbar und leider Alltag in vielen Familien… Mein Vater sagt immer, „du lernst die Menschen kennen, wenn es um Geld geht“. Einerseits traurig und Wut auslösend, aber auch wunderschön, dass die alte Dame deine Unterstützung erfährt. Das, was sie bei dir in deiner Kindheit gesät hat an Liebe und Menschlichkeit, erhält sie nun von dir zurück. Die geldgierigen Erben haben sich in fürchterliche Brechreizauslöser verwandelt. Das dürfte zu der beschriebenen finanziellen Not in diesem Alter eine bittere Enttäuschung sein. Ich wünsche der Dame, dass sie noch sehr viele Jahre bei möglichst guter Gesundheit lebt und irgendwann die Gerechtigkeit den Geldgierigen das weg nimmt, was ihnen in diesem Leben wichtig erscheint, das erschlichene Geld.

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    1. Leider gibt die deutsche Gerichtsbarkeit keine Signale, dass der alten Dame Gerechtigkeit widerfahren wird. Ein Vergleichsangebot zu ihren Ungunsten (wie unverschämt kann man als Anwalt nur sein, überhaupt ein solches Angebot zu übermitteln) hat sie dann auch nicht akzeptiert. Raffgier, Unmoral und menschliche Kälte zeichnen die beiden Schenkungsnehmer aus. 😢🤮

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  2. Schlimm… Und wieder ein Beweis dafür, dass wer nach normalen moralisch logischen Gesichtspunkten recht hat, nicht immer Recht zugesprochen bekommt. Die Erbschleicher werden geschützt und haben ja auch ausreichend Geld für anwaltliche Vertretung und sind vergleichsweise jung. Pfui…

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    1. Anwaltlich wird zurzeit geklärt, inwieweit ein Vergleich geschlossen und akzeptiert werden kann. Die Schenkungsnehmer bauen aber auf Zeit, denn das ein Verfahren lange dauern kann, bevor es entschieden wird, kann vielleicht die Andere nicht mehr erleben. Die Situation ist unerträglich und kostet … Zeit, Geld, Nerven und Zuversicht/Vertrauen in ein Rechtssystem, das beugungsbereit ist. Politik und Recht sind zwei Bereiche, die unberechenbar sind.

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